Das zweite Gesicht – San Francisco

Zu diesem Blogpost inspirierte mich Kofferzuklein mit ihrem Beitrag über die unterschiedlichen Reaktionen des Betrachters auf ihre Fotos.

Auch wir veröffentlichen die schönsten und spektakulärsten Fotos. Selten jedoch findet man in den Berichten das zweite Gesicht, wie zum Beispiel Obdachlosigkeit, Armut, Müll oder Touristenmassen. Warum? Nun, ich denke – und Kofferzuklein bestätigt mich da in ihrem Beitrag – der Betrachter und Leser will sich in eine Welt träumen und das Schöne sehen. Nicht das Einfache oder gar Hässliche. Wenn wir Reiseblogs lesen, wollen wir träumen, selbst dagewesen zu sein oder uns an unsere eigenen Erfahrungen zurückerinnern. Seltener wollen wir uns wirklich mit den wahren Umständen vor Ort beschäftigen. Es ist ein bisschen wie Fleisch essen, ohne wissen zu wollen, woher es kommt oder wie es den Tieren ging… Es soll nur billig und frisch sein.

Ich will gar nicht verurteilen, dass wir uns in einer schwierigen Welt gerne in eine andere Realität träumen oder vor so manchem globalen Problem die Augen verschließen. Ich kann mich auch gar nicht davon ausnehmen – leider.

Work hard be nice SFO

Dennoch werde ich in Zukunft mir mehr Mühe geben, auch das eine oder andere kritische oder berührende Foto zu zeigen. Mir fiel spontan San Francisco ein. Diese schillernde Weltstadt, die jedoch definitiv vor Ort ein zweites Gesicht zeigt, das wir gerne ignorieren. Obdachlosigkeit. Ich habe einen sehr ergreifenden Artikel bei Sonic.net gefunden, aus dem ich hier zitiere.

Reagans Revolution der Psychiatrie

Ende der Sechzigerjahre wurden in Kalifornien und später im Rest der USA die Mehrzahl der staatlichen psychiatrischen Kliniken geschlossen. Der damalige Gouverneur Ronald Reagan unterzeichnete 1969 ein Gesetz, welches die fürsorgerische Freiheitsentziehung in den meisten Fällen auf maximal 72 Stunden beschränkte. Einen Menschen gegen seinen Willen in einer Institution zu halten und medikamentös zu behandeln, verstosse gegen die Persönlichkeitsrechte.

Obdachlose San Francisco Tatsächlich hat diese Gesetzesänderung dazu geführt, dass San Francisco heute die höchste Obdachlosen-Quote der USA hat. Noch dazu sind viele von ihnen geistig krank. Jedoch verhindert das Gesetz, sie gegen ihren Willen zu behandeln. Da versuchen die Amerikaner einmal, Persönlichkeitsrechte zu schützen und dann geht dieser Schuss derart nach hinten los, dass sie heute hilflose Menschen ihrem eigenen Schicksal überlassen müssen. In einer Zeit, in der noch Homosexuelle in psychische Anstalten geschlossen wurden, war dieser Vorstoß sicherlich für viele auch eine große Hilfe. Nur für die Opfer wahrer Geisteskrankheiten, die sie daran hindern, überhaupt einen freien und besonnenen Willen zu haben, verschließt sich somit jegliche Hilfe.

Obdachlose San Francisco Obdachlose San FranciscoNoch dazu kommt heute die Problematik der sozialen Schere einer Tech-Metropole. Haufenweise junge Menschen zieht es nach San Francisco und ins Silicon Valley. Die Mitarbeiter von Google, Twitter, Facebook, Apple, etc. können sich hohe Mieten leisten. Der Durchschnittsbürger hingegen verdient nicht annähernd die Gehälter, die heute für den Lebensstandard nötig wären. Ein Silicon Valley-Mitarbeiter verdient im Schnitt ca. 100.000 USD. Der normale Einkommensschnitt liegt jedoch bei 74.000 USD. (Quelle: Handelsblatt) Und die Schere geht hier rasant auseinander. Immer mehr Lehrer, Rentner oder Krankenschwestern müssen tatsächlich die Stadt verlassen oder landen im schlimmsten Fall auf der Straße. Und dank eines neuen Gesetztes ist es jetzt sogar so weit, dass Nevada seine Obdachlosen nach San Francisco ausquartiert… Die Stadt verklagt Nevada auf Schadensersatz. Für mich ehrlich gesagt alles unfassbar…

Obdachlose San FranciscoUnd dennoch bleibt hier allen Besuchern der Stadt nur noch eins zu sagen: Ja, es gibt in San Francisco unwahrscheinlich viel Elend auf der Straße. Viele waren wie Du und ich, ehe sie in diese Krise stürzten. „Keine Angst, die Obdachlosen tun dir nichts, denn sie sind selbst froh das sie (über)leben.“

4 Gedanken zu “Das zweite Gesicht – San Francisco

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